„Lasst uns in dieser Nacht unsere Ehrfurcht vor Gott neu entdecken“ – eine Weihnachtspredigt

Wir haben wohl alle damit gespielt – mit Figuren oder Puppen, als Kinder. Materialien und Formen mögen sich über die Jahrzehnte geändert haben von Zinnsoldaten und Porzellanpuppen über Stofftiere und Barbiepuppen hin zu Playmobilfiguren und LEGO Friends. Da sind manche Figuren durch einige Kinderhände gegangen und immer wieder neu in Szene gesetzt worden. Spielerisch wird so das menschliche Leben begriffen. Und Kinder lernen von früh an die Dinge selbst in der Hand zu haben.

Dinge selbst begreifen und sie in die eigene Hand nehmen, so wollen wir das eigene Leben für uns in den Griff kriegen. Es soll nach unserer Einsicht und nach unserem Willen vor sich gehen. Wir wollen so leben, wie wir es am besten selbst zu entscheiden wissen.

An Weihnachten haben wir uns dem göttlichen Geschehen zu überlassen, wenn nicht länger Figuren zu Hand genommen und spielerisch bewegt werden. In der Krippe gibt das Weihnachtsevangelium vor, wer und wo seinen Platz zu finden hat, das Jesuskind mit Maria und Josef, die Hirten kniend davor, im Hintergrund Ochs und Esel. Nichts wird handgreiflich bewegt, als stünde die Zeit still. Nur das eigene Hinsehen ist gefragt. Schau einfach hin! Lass dich als Zuschauer in das Geschehen hineinnehmen, das Gott für uns alle vorgesehen hat.

Da mögen die Figuren nach unterschiedlichen Vorstellungen geschnitzt, modelliert und bemalt worden sein. Und auch die Weihnachtskrippen, in denen sie sich wiederfinden, haben unterschiedliche, mitunter eigenwillige Formen, zeigen sich in unterschiedlichen Landschaf­ten. Aber wenn die Krippe aufgestellt und das Weihnachtsevangelium gelesen wird, liegt es nicht in unserer Hand, was da geschehen ist: Gottes Sohn, Jesus Christus, von der Jungfrau Maria geboren, den Hirten mit der Engelsstimme angekündigt: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ (Lukas 2,10-12)

So sollen auch wir den Christus in Bethlehem sehen und ihm unseren Glauben schenken. Was uns heil werden lässt, sind nicht die eigenen Vorhaben und Errungenschaften. Angenommen sind wir von dem, der von sich selbst sagt: „Ich bin das A und O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“ (Offenbarung 22,1, der die Liebe in Person ist, der Himmel und Erde erschaffen hat, den kein Mensch sich zutreffend vorstellen kann, den wir uns nicht selbst aus­denken können und der in seinem Gericht das letzte Wort behalten wird.

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herr­lichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit“ (Johannes 1,14), „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Johannes 14,6), „Licht der Welt“ (Johannes 8,12“, „Brot des Lebens“ (Johannes 6,35). Der Gottessohn Mensch geworden nimmt uns an und gibt sich für uns, damit wir zum ewige Leben bei Gott finden.

Keine noch so große eigene Lebensleistung lässt unser Leben vor Gott gelten. Was du in dei­nem Leben aufsummiert hast, dein Guthaben auf dem Bankkonto, all dein Vermögen, hilft dir nicht über deine Lebensgrenzen hinaus. Dein Hab und Gut versöhnt dich nicht mit deinen Mitmenschen, lässt dich vor Gott nicht als gerecht dastehen.

So heißt es stattdessen die Krippe mit dem Jesuskind in den Blick zu nehmen. Unser Leben läuft auf ihn zu – Gottes Sohn menschgeworden. Wir machen uns keine Illusionen über unser Leben, sondern lassen uns von Gott einnehmen: „Bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Lichte sehen wir das Licht.“ (Psalm 36,10)

Auch wenn der Gottessohn sich in die Hände von Menschen gelegt hat, um uns ganz nahe­zukommen, lässt er sich jedoch nicht von uns vereinnahmen. Wo wir auf das Jesuskind schauen, hat uns zugleich der allmächtige Gott im Blick. Die Engel wissen davon ein Lied zu singen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlge­fallens.“ (Lukas 2,14) Mit Gott sind wir nicht auf Augenhöhe. Wir bekommen es ihm zu tun, mitunter unnahbar fremd, dann schicksalsmächtig, stolpern mit unseren Fragen, suchen von ihm Abstand halten, können ihn eben nicht selbst begreifen. Und in all dem sieht er uns. In all dem entgehen wir seiner Vorsehung nicht, unser Leben liegt in seiner Hand. „Durch ihn leben wir doch, bewegen wir uns und haben wir unser Dasein.“ (Apostelgeschichte 17,28)

Wer mit seinem Glauben in die Krippe geschaut hat, gewinnt einen neuen Himmelsblick. Wir leben hier auf der Erde in Gottes Gegenwart, unter seiner Vorsehung. „Es ist der Gott, der die Welt geschaffen hat und alles, was in ihr ist. Er ist der Herr über Himmel und Erde. […] Er selbst gibt uns ja das Leben, die Luft zum Atmen und alles, was wir zum Leben brauchen.“ (Apostelgeschichte 17,24f) Was alles noch auf uns zukommen wird, haben wir nicht in unserer eigenen Hand. Unser Leben ist von Geburt an eingefügt in das Zusammenleben mit Gottes Geschöpfe, wo unser Leben von Fügungen und Ordnungen abhängt, die wir nicht geschaffen haben.

Lasst uns in dieser Nacht unsere Ehrfurcht vor Gott neu entdecken. Er, der von sich selbst spricht: „Mit wem wollt ihr mich vergleichen? Wer kommt mir gleich? […] Richtet eure Augen nach oben und seht, wer das alles geschaffen hat! Seht ihr dort das Heer der Sterne? Er lässt sie aufmarschieren in voller Zahl. Mit ihrem Namen ruft er sie alle herbei. Aus der Menge, vielfältig und stark, darf kein einziger fehlen.“ (Jesaja 40,25f) Gott „ehrfürchten“ heißt ja nicht sich vor ihm ängstigen. Die Ehrfurcht sucht kein Versteck auf, sondern wendet sich Gott respektvoll zu. Sie traut ihm alles zu und vertraut darauf, dass er in Christus uns alles zum Heil zuwenden will.

Wo Menschen die Ehrfurcht vor Gott verloren haben, wo er ihnen gleichgültig geworden ist, halten sie sich selbst für den Maßstab aller Dinge. Ohne Gottesfurcht kann für das eigene Leben nur das gelten, was im eigenen Sinne ist. Da muss dieses selbstbestimmte Leben in der Enttäuschung preisgegeben werden, weil die verwünschte Selbstbestimmung eben nicht auf Dauer zu halten ist.

In der Weihnachtskrippe halten wir keine Figuren in der eigenen Hand. Der allmächtige Gott hat sich in Jesus Christus uns vorgestellt. Wer sein Leben ihm anvertrauen kann, geht nicht an sich selbst zugrunde, findet sich zu seinem Heil bei Gott wieder.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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