Sonntagsbrief an die Gemeinde am 5. Juli 2020

Schwestern und Brüder, ihr die Gemeinde,

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

Wir leben gegenwärtig in einem besonderen gesellschaftlichen „Reizklima“. Durch die Corona-Pandemie treffen unterschiedliche Vorstellungen, Empfindungen und Erwartungen mitunter heftig aufeinander. Den einen sind die auferlegten Infektionsschutzmaßnahmen Gängelung und Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit, den anderen wiederum sind Freizügigkeiten und Menschenansammlungen ein unverantwortliches Verhalten. Solche gegensätzlichen Ansichten lassen kaum zueinanderfinden. Der Wunsch nach friedlicher Einigung mag da sein, aber als Maß der Dinge wird die eigene Sichtweise angesetzt: Die anderen sollen es eben so sehen, wie ich es sehe, dann sind wir uns doch einig. An mir liegt es jedenfalls nicht, wenn Unfriede herrscht …

Auch innerhalb der Kirche, in Gemeinden und unter deren Mitarbeitenden liegen in Sachen Corona Ansichten und Forderungen weit auseinander. Kann man sich nicht wenigstens in der Kirche einig sein – „ein Herz und eine Seele“, wie es in der Apostelgeschichte (4,32) heißt? Auch in der Urkirche hat es im Zusammenleben immer wieder Konflikte gegeben, die vom Apostel Paulus in seinen Briefen – mitunter eindringlich – angesprochen worden sind. Paulus will die Gläubigen im Frieden zueinanderfinden lassen, wenn er an die Gemeinde in Rom im 12. Kapitel schreibt:

Vergeltet Böses nicht mit Bösem. Habt den anderen Menschen gegenüber stets nur Gutes im Sinn. Lebt mit allen Menschen in Frieden – soweit das möglich ist und es an euch liegt. Nehmt nicht selbst Rache, meine Lieben. Überlasst das vielmehr dem gerechten Zorn Gottes. In der Heiligen Schrift steht ja: »›Die Rache ist meine Sache, ich werde Vergeltung üben‹ – spricht der Herr.« Im Gegenteil: »Wenn dein Feind Hunger hat, gib ihm zu essen. Wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, ist es, als ob du glühende Kohlen auf seinem Kopf anhäufst.« Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute! (12,17-21)

Der Apostel fordert uns mit seinen Worten heraus: „Lebt mit allen Menschen in Frieden – soweit das möglich ist und es an euch liegt. Nehmt nicht selbst Rache, meine Lieben. […] Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“ Da mögen solche Worte wie ein Aufruf zum Nachgeben klingen – um des lieben Friedens willen. Ein Missverständnis. Christen sollen nicht nachgeben, sondern für das Gute einstehen. Aber das Gute im göttlichen Sinne gilt es vom eigenen Willen und von persönlichen Interessen zu trennen. Wir sollen uns nicht mit unserem Willen gegenüber anderen durchsetzen, sondern uns in Gottes Gutem behaupten. Lasst die anderen leben, ohne gemeinsame Sache im Unguten zu machen.

Selbst wenn bei Mitmenschen Böses am Werk zu sein scheint, dürfen wir um Christi willen mit ihnen nicht fertig sein. Wenn Christus für sie wie auch für uns am Kreuz gestorben ist, wenn wir aus Gottes Erbarmen leben, so haben wir die anderen als Geschwister anzusehen, „in der großen Hoffnung, dass auch ihnen das Gute näherliegt als das Böse“ (Hans Joachim Iwand). Dietrich Bonhoeffer hat dazu 1938 in einer Predigt ausgeführt:

„Erhebe deine Hand nicht zum Schlag, öffne deinen Mund nicht im Zorn, sondern sei still. Was kann denn der dir schaden, der dir Böses antut. Nicht dir schadet es, aber ihm schadet es. Unrechtleiden schadet keinem Christen. Aber Unrecht tun schadet. Nur eines will ja der Böse bei dir erreichen, nämlich, dass du auch böse wirst. Aber damit hätte er ja gesiegt. Darum vergilt nicht Böses mit Bösem. Du schadest damit nicht dem, sondern dir selbst.“

Wenn es um den zwischenmenschlichen Frieden geht, ist die eigene Seele immer mit im Spiel. So heißt es in den Klageliedern Jeremias „Meine Seele ist aus dem Frieden vertrieben; ich habe das Gute vergessen.“ (3,17) Wo der eigene Seelenfrieden fehlt, wo das vorhandene Gute einem selbst entfallen ist, entblößt sich die Seele gegenüber anderen in Anschuldigungen. Wer andere mit Vorwürfen angeht, ist sich des eigenen Seelenunfriedens oft nicht selbst bewusst. So tue ich gut daran, in mich selbst hineinzuhören, unfriedliche Stimmungen in mir selbst wahrzunehmen, bevor ich einen Konflikt mit anderen angehe.

Den Frieden mit sich selbst finden ist eine lebenslange Aufgabe, die uns immer wieder neu zu Jesus Christus bringt: „Er ist unser Friede“ (Epheser 2,14), weil er uns mit Leib und Seele annimmt, uns über unsere eigene Stimmungen hinausführt und uns in die Gottesliebe hält, die unser Leben zu seiner Fülle und unsere Sehnsüchte zur Erfüllung bringt. Dazu passen die Worte „tiefer Friede begleite dich“ aus dem Lied „Der Herr segne dich“ (https://www.youtube.com/watch?v=QURPzlgxmRk).

So bete ich mit Worten von Henry Nouwen: Herr, du hast Worte ewigen Lebens, du bist Speise und Trank, du bist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Du bist das Licht, das in der Dunkelheit scheint, die Lampe auf dem Leuchter, die Stadt auf dem Berge. In dir und durch dich kann ich den himmlischen Vater sehen, und mit dir kann ich den Weg zu ihm finden. Sei du mein Herr, mein Erlöser, mein Weggefährte, meine Freude und mein Friede. Amen.

Dieser Sonntagsbrief kann die Woche über unter der Telefonnummer 07306/78 92 95 1 abgehört werden.

Am kommenden Sonntag, 12. Juli werden wir unseren Gottesdienst in der Martin-Luther-Kirche um 9 Uhr feiern. Jeder kann kommen, auch ohne Voranmeldung, vorausgesetzt, dass ihr ein freier Sitzplatz zugewiesen werden kann. Aufgrund der reduzierten 1,50-Meter-Abstandsregel gibt es in unserer Kirche nunmehr 24 Sitzmöglichkeiten, die einzeln oder zu zweit aus einem Haushalt eingenommen werden können.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Es grüßt Euch ganz herzlich

Euer Jochen Teuffel

Evangelischer Pfarrer

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